Schaurige Post für Graf Lindorf

Wertes Auditorium,

Endlich kam ich auch dazu, die Korrespondenz Graf Lindorfs ein wenig zu ordnen – hier also auch für Sie jener Brief, der mir enthüllt hat, woher der Totenschädel stammt, den ich jeden zweiten Samstag abzustauben gehalten bin. Als ob ich sonst nichts zu tun hätte! Bedauerlicherweise ist es ein anonymer Brief. Man sollte doch meinen, Leute von Anstand unterschrieben mit ihrem ganzen Namen, nicht wahr? Nun, mir kann es ja egal sein – der Weise steht über solch billigen Rätseln. Sollten Sie jedoch zu Neugier neigen – vereinen Sie ihre schwachen Kräfte ruhig im Ratespiel, wie sonst nur kleine Kinder tun.

Respektvollst,

Bastille

Teuerster Förderer, geschätzte Muse, werter Graf!

Soeben habe ich mein Opus Magnum vollendet; ich konnte nun nicht umhin, Euch als meinen Spiritus Rector davon in Kenntnis zu setzen. War ich euch doch vor kaum zwei Jahren noch zu Dank, den zu steigern für möglich ich nicht hielt, verpflichtet für die lebensnahen Impulse zu einer meiner dunkelsten Figuren – wobei der Gute M. ja auch ein letztlich gar lebenslustiger Geist ist, der mir so recht ans Herz gewachsen -, so muss ich für den kaum schätzbaren Beitrag zu meinem neuesten Werke doch tausendfach mehr danken. Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein. Dass ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farben der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute. Das habe ich auch E. – ich nenne ihn, zumindest insgeheim, gar nicht mehr beim Namen, sondern nur noch den ,Esel‘, zu stark erinnert er mich an den nach seinem Bilde geschaffenen Famulus: Nur was er schwarz auf weiß besitzt, zählt für ihn – geschrieben, doch wird er den Sinn weder fühlen noch erjagen.

Wisst Ihr, was er zu sagen sich erfrechte? Meine Sätze seien gar zu lang und allzu bemüht! Doch genug von dem trockenen Schleicher, er gleicht dem Geist, den er begreift, nicht uns – Euch wollte ich ja danken; ,Ihre Güte hat mich verwöhnt‘, wie es mein junger Freund Sch. auszudrücken belieben würde. Ja, Ihr lest richtig, die ,Farben‘ sind dank Euch vollendet. Somit wird doch, wie ich hoffe, dieser Brite mit seiner lachhaften Theorie des Lichts in die Schranken gewiesen. Hätte ich den didaktischen und den polemischen, so doch keinesfalls den historischen Teil der Sache ohne Ihre Hilfe, Graf, bewältigt! Allein Ihre Bitte, Teuerster, hielt mich ab, mein Werk aller Augen sichtbar Euch zuzueignen – und Eure Obsession für Augen, wiewohl ein dunkles Kapitel, hätte es doch nur umso nothwendiger gemacht! Je nun, wer Augen hat zu sehen, wird doch auch in jener andren Zueignung unbedingt begreifen, dass die aus Dunst und Nebel entsteigenden Gestalten aus jenem stillen, ernsten Geisterreich niemand anders als Ihr und Eure werten Herren seid. Wo ich gerade an sie denke: Coppellas Wunsch entsprechend besorgte ich für ihn, das Original vertauschend, den Schädel des so früh verstorbenen Sch. – ich habe dazu geschrieben, was ich zu sagen hatte, und bin froh, das gräßlich´ Ding nicht mehr sehen zu müssen. Möge es Coppella zu seinem Elixiere nützen!

In Dankbarkeit, Ihr

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