Ein italienischer Brief

Wertes Auditorium,

abermals konnte ich mich der Korrespondenz des Grafen widmen, um Ihnen heute einen weiteren Brief zu präsentieren – diesmal aus dem Süden. Nicht nur Professoren, nein, auch Adelige halten es offensichtlich nicht für nötig, mit vollem Namen zu signieren. Das beigelegte Bleistück habe ich für den Comte hinterlegt; wir werden sehen, wozu es nützen soll…

Respektvollst,

Bastille

Mio caro amico,

wenn Du diesen Brief in Händen hältst, weißt Du ja, dass meine Flucht gelungen ist – Deine Hilfe zu meinem Entkommen hat mich erreicht und erfüllt mich mit tiefster Dankbarkeit. Die Bleikammern waren ein wahrlich entsetzlicher Aufenthalt! Auf welchen Wegen es dir gelang, mir ein Werkzeug zukommen zu lassen, entzieht sich meinem Verständnis – aber Deine Fähigkeiten schienen mir stets schon das menschliche Maß zu sprengen. Nur Deinem ausdrücklichen Wunsch entsprechend werde ich Deine Unterstützung verschweigen – ich trage mich nämlich mit dem Gedanken, meine Erlebnisse zu Papier zu bringen. Der Messer Grande hat in seinen Anklagen gegen mich zwar Deinen Namen und Deine Rolle betont; ich denke, Sua Serenità höchstselbst scheut jedoch das Aufsehen, das mit Freimaurerei, dem Besitz verbotener Bücher und gotteslästerlichen Umtrieben einhergeht. Es sollte mich also nicht wundern, wenn die Klageschrift gegen den ausländischen Conde L. schnell in einem der vielen Kanäle der schmutzigen Perle, die ich meine Heimatstadt nenne, verschwinden wird.

Ach, amico mio, wie weh wird mir, wenn ich an ihre Paläste denke, ihre Gondeln und stillen Balkone und all die anderen Orte, an denen die jungen Damen sich mir, oder öfter noch Dir – jedoch, tempi passati. Kannst Du, mein alter Schwerenöter, Dir vorstellen, dass die meisten Deiner Eroberungen bereits mir Unschuldigem angelastet werden, ja dass mein Name selbst statt des Deinen bereits zum geflügelten Wort für einen erfolgreichen Verehrer des schönen Geschlechts wird? Ich sehe Dein schmallippiges Lächeln, wenn Du dies liest, nur zu deutlich vor mir … doch lass mich für heute schließen, caro amico. Wie du wünschtest, erreicht Dich mit meinem Brief auch ein Stück des bleiernen Daches, das mich viel zu lange nicht den Himmel sehen ließ. Grüße deinen amico Caspare, ich hoffe, es wird seiner macchina von Nutzen sein – auch wenn ich gar nicht zu fragen wage, was sie dereinst bewirken soll…

Mögen wir uns in besseren Zeiten wiedersehen!

Cavaliere G.C.