Von Menschen und Monstern

Wertes Auditorium,

dunkle Tage nahen: Unerträgliche Kürbisse allerorten, gräßlich grinsendes geistloses Gemüse… Seien Sie standhaft und gedenken Sie der wahren Monster! Aus den gesammelten Briefen des Grafen Lindorf ein besonders düsteres Stück, das ich heute zu katalogisieren hatte…

Respektvollst,

Bastille

 

Mein großer Förderer,

ich weiß nicht wann und wie Sie dieser Brief erreichen wird; ich hoffe noch, Ihnen derzeit einmal das Ganze selbst erzählen zu können. Die Reise ins arktische Eis hat mich jedoch so geschwächt, dass ich vielleicht nicht überleben werde. Doch lasst mich von vorn beginnen: Wie ihr ja sicher noch erinnert, wandte ich mich bei meinen Forschungen an Euch, da mich das Wissen des Albertus Magnus und des Paracelsus nicht zum Ziel führen konnten. Eure Idee, den Blitz nutzbar für mich zu machen, erwies sich denn auch als erfolgreich. Wenn man hier von einem Erfolg sprechen kann! Das Geschöpf war missgestaltet, ekelte mich an, und wie im Fieberwahn floh ich vor ihm aus meinem eigenen Labor.

Wären mir nur die Weiterungen dieser Tat bewusst geworden! Ach, wie sehr hat es mein armer Bruder büßen müssen, ermordet von solch unheiligen Händen. Allein die Erinnerung daran greift mich sehr an, und wie ich schrieb, hat die Verfolgung meiner Schöpfung hinauf ins ewige Eis mich zutiefst erschöpft. So schließ ich denn für heute, ich hoffe nicht für immer. Ein freundlich` Schiff nahm sich meiner an; der Kapitän wird diesen Brief an Euch weiterleiten. Ein Schräubchen, dass der Kreatur bei ihrer Flucht entfiel, leg ich Euch bei – Euer Freund Coppella mag es zu seiner Materia nutzen, doch seid gewarnt: Der Fortschritt und das Gebären von Monstern gehen Hand in Hand. Für Euren Beitrag zu Beidem seid dennoch aufrichtigst bedankt!

Arktische See, 1818

 

Viktor Frankenstein+