Späte Liebe

Wertes Auditorium,

gruselten Sie sich in der vergangenen Nacht? Bedrücken die Gespinste des Aberglaubens ihre Seelen? Coppelius hilft: Was gäbe es bei düsteren Stimmungen besseres als eine zarte, unschuldige Liebesgeschichte? Allein von einem Bild verzaubert zu sein, was könnte es Reineres geben!  Ein neuerlicher Auszug aus des Grafen Korrespondenz…

Respektvollst,

Bastille

Mein junger Freund,

etwas Unglaubliches ist geschehen: ich habe mich verliebt! Ja, spottet Ihr nur – Ihr habt ja recht, in meinem Alter… dennoch, ich brenne geradezu für sie! Zwar sah ich sie noch nicht von Angesicht zu Angesicht, doch allein ihr Bildnis setzte mich in Verzücken. So schreibe ich Euch denn nun; Ihr werdet mich nämlich zukünftig nicht mehr zuhause antreffen, auch wenn ich die schönen Stunden Eurer Besuche stets genoss als Unterbrechung meiner Einsamkeit. Ja, ich verlasse die geliebte Heimaterde, nehme nur das Nötigste mit, und eile nach W.

Wo ich dies schreibe, pirschen sie heran, die Spötter – ein Plagiat sei ich, ein Schatten nur jenes größren Schatten. Wenn ich das schon höre! Gewiss, die Geschichten gleichen sich in vielem, der Immobilienkauf und die seltsamen kulinarischen Vorlieben des Dieners etwa – aber so manches darf ich doch als anders, ja: besser für mich verbuchen. Großbritannien wird ohnehin überbewertet, und dann diese lächerliche Art, in der er sich übertölpeln ließ! Von der Eisenbahn auf seiner Heimkehr geschlagen, ich bitte Sie. Was soll denn eigentlich auch dieser Texaner bei dem ganzen? Ein bisschen Exotik für den anspruchslosen Leser, wie? Dann ist ja auch das Medium bei mir ein völlig andres – und trotz allem, ich – ein Plagiat! Diese Schwarzweißmalerei lässt mich ganz verstummen. Wir Herren von Adel sollten uns so etwas nicht bieten lassen müssen! Ich weiß noch, wie der Schreck mir in alle Glieder fuhr, als Ihr mir von dieser infamen Unterstellung berichtet habt.

Doch muss ich schließen, junger Freund; mich dürstet so sehr nach der Geliebten. Ihr seht mich in Deutschland.

4. März 1922,

Nosferatu